30 Jahre Lamuv: Gegen den Strom

Dass Lamuv mit dem Namen Böll verbunden ist, war anfangs kaum jemanden klar, hieß das Hobbyunternehmen, im Frühjahr 1975 gegründet, zu Beginn Labbé & Muta Verlag: Michael Labbé, ein Kölner Schreibwarenhändler, und der Sohn des Literaturnobelpreisträgers, René, der als studierter Maler und Grafiker sich Muta nannte, waren die Namensstifter. Bald wurde aus dem Labbé & Muta Verlag Lamuv: nichts anderes als die Zusammenziehung der Anfangsbuchstaben der Verlagsgründer plus das V für Verlag.

Von Anfang an widmete sich Lamuv mutig vor allem Autorinnen und Autoren, die keiner herausbringen wollte, die keinen Platz auf dem deutschsprachigen Buchmarkt zu haben schienen. Zum Beispiel einer bolivianischen Bergarbeiterfrau namens Domitila, die stolz verkündete: »Wenn man mir erlaubt zu sprechen ...« Und deren Lebensgeschichte dann doch große Beachtung fand. Heinrich Böll half mit einer Rezension in der »Zeit« nach. Das geben wir gerne zu. Doch das Buch ist immer noch im Programm.

Ich selbst bin Ende der siebziger Jahre als Autor zu Lamuv gestoßen: mit Büchern über Rechtsextremismus und Rüstung, Anfang der achtziger Jahre als Herausgeber für Titel der Friedenbewegung, wurde dann Lektor, Mitglied der Verlagsleitung. 1988 habe ich schließlich Lamuv gekauft, den Verlagssitz aus dem Rheinland nach Göttingen verlegt. Denn Gerhard Steidl und Lamuv haben seit jeher kooperiert. Steidl druckte schon 1975 das erste Lamuv-Buch, Heinrich Böll/Klaus Staeck: Gedichte-Collagen. Seit Ende der siebziger Jahre gibt es zwischen den Verlagen auch eine Kooperation im Vertriebsbereich.

Lamuv hat sich Verdienste erworben: Der Verlag hat politisch Flagge gezeigt, veröffentlichte Anfang der achtziger Jahre die Publikationen der Friedensbewegung. Er brachte die Bücher der späteren »Grünen« heraus, publizierte 1984 die Biographie der damals 25-jährigen Guatemaltekin Rigoberta Menchú, die 1992 den Friedensnobelpreis erhielt, ebenso Bücher von Menschen, die mit den »Alternativen Nobelpreis« ausgezeichnet wurden: wie Petra Kelly, Felicia Langer, José Lutzenberger, Chico Mendes ...

Lamuv hat sich immer für die Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika eingesetzt: mit der Buchreihe »Dialog Dritte Welt«, hat vergessene Literaturnobelpreisträger neu aufgelegt wie Asturias und Mistral, hat die Kinder- und Jugendbuchreihe »Baobab« gestartet (in der Meja Mwangis »Kariuki« erschien, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis), die Reihe »Black Women« herausgegeben: Romane, Erzählungen, Anthologien und Autobiographien schwarzer Autorinnen ...

Lamuv greift politische und zeitgeschichtliche Themen auf, die in der öffentlichen Diskussion zu kurz kommen. Seit über 15 Jahren erscheint die Reihe »Süd-Nord«, die sich mit den Überlebensfragen unserer Menschheit auseinandersetzt, vor allem dem Verhältnis zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern. Der Verlag lässt bedrohte Völker und Minderheiten zu Wort kommen. Er ist bekannt für seine authentische Indianerliteratur, die man woanders suchen muss. Und: Wer die Geschichte des Verlages kennt, wundert sich nicht, dass Lamuv auch irische Literatur verlegt - Böll sei Dank.

Lamuv engagiert sich darüber hinaus im deutschen Verlagswesen. Der Verlag besitzt 50 Prozent der Anteile an der von ihr 1997 mitbegründeten GVA, der Gemeinsamen Verlagsauslieferung Göttingen, die mittlerweile 117 Verlage ausliefert. Die GVA ist zu einer Hausnummer im deutschen Buchhandel geworden. Sie bietet Verlagen, auch kleineren, völlig neue Vermarktungskonzepte an. Nach außen treten die GVA-Verlage wie ein kleiner Konzern der Independents auf. Und das mit Erfolg.

Im 30. Jahr seines Bestehens hat Lamuv beschlossen, enger mit dem Tropen Verlag zu kooperieren, einem der Shooting-Stars in der deutschen Verlagsszene. Lamuv, in die Jahre gekommen, kann es nicht schaden, sich von den heutigen »Wilden« inspirieren zu lassen. Und Tropen profitiert hoffentlich von den Erfahrungen Lamuvs. Wenn Sie so wollen, ein generationsübergreifendes Projekt. Und das unter dem Dach der GVA. Da ist, das verspreche Ihnen, noch manches möglich. Daran arbeiten wir und lassen die Feier ausfallen, verzichten auf Festivitäten, investieren lieber ... Denn wir haben noch einiges vor.

Mit besten Grüßen
Ihr Karl-Klaus Rabe
Geschäftsführer des Lamuv Verlags
und der
GVA Gemeinsame Verlagsauslieferung Göttingen

(März 2005)